Donnerstag, 24. Februar 2011

Der Schein trügt

Mir gefallen die gefilzten Sachen von Én Gry & Sif. Ich mag mich noch gut erinnern, als ich vor Jahren zum ersten Mal die Sachen in Wohnzeitschriften sah - wunderschön! Meine Schwester war dann in Dänemark und wollte den Laden von den beiden besuchen und hat ihn nicht gefunden. Mittlerweile wurde das Internet ausgebaut und man surft mal hier, mal dort. Dabei habe ich gelesen, dass die Sachen gar nicht von den beiden alleine hergestellt werden, sondern als Fair Trade in Nepal von über 500 Personen gefertigt werden.

Die Patchworkarbeiten von Anna Maria Horner sind farbenfroh und gar nicht so perfekt, sondern z.T. mit grossen Quiltstichen und mit dickem Garn gequiltet. Mir gefällt das. Aber auch hier entsteht der Eindruck, das ist eine coole Designerin und mehrfache Mutter, die einfach viel drauf hat und alles schafft und erst noch tolle Sachen herstellt. Wow! Aber soviele Quilts ganz alleine schaffen und dann noch nebenher Familie - fast unmöglich.

Und ich weiss von einer Schweizerin, die in Haiti eine Näherei aufbaute und Frauen beschäftigte, die amerikanische Quilts nähten. Eigentlich ein gutes Projekt, die Frauen können so mithelfen, ihre Familien zu unterstützen. Aber uns wird überall weisgemacht, von originalen amerikanischen Quilts, ganz teuer zu kaufen und dann muss man erfahren, dass diese Decken von Haiti importiert wurden, diese Frauen wahrscheinlich zu einem günstigen Lohn arbeiten und die Zwischenhändler und Endverkäufer noch viel verdienen. Ist das nicht ungerecht?

Wenn ich Stoff kaufe und mir eine Decke nähen will, dann kostet alleine das Material über 100 Franken und dabei habe ich noch keine Minute genäht. Und wenn ich dann im Laden und bei Grossverteilern Schnäppchen sehe, dann frage ich mich schon, wieviel hat wohl die Näherin daran verdient. Grössenteils steht überall "Made in China" drauf.

Jade und viele andere vermitteln den White and Shabby Stil auf ihrem Blog. So schön! Und wie in einem Wohnmagazin. Fast zu schön. Kein Staubkörnchen, keine Spinnwabe, die sich ganz fies irgendwo in einer Ecke so langsam und unauffällig ausbreitet und sich erst im dümmsten Moment sichtbar macht.

Ist wirklich alles so schön? Müssen wir uns in eine heile Welt flüchten, wenn (fast) überall auf der Welt Unrecht und politische Unruhen und Naturkatastrophen herrscht?

Meine Waschküche müsste dringend aufgeräumt werden. Die Wäsche liegt auch schon wartend da, bis sie gebügelt und versorgt wird. Die eben geputzten Fenster wurden als Winke- und Abschiedküsschen-Station genutzt - sie sehen auch wieder dementsprechend aus. Es gab schon wieder Pasta zum Mittagessen, weil tausend Sachen wichtiger waren, als eine sorgfältige und ausgiebige Planung eines Festessens. Und auf meinen Nadeln liegt nun schon seit einigen Tagen ganz schwer und fast nicht mehr vorwärtskommend ein Revontuli.

Wie schnell wäre eine warme Jacke gekauft oder eine Büchse Ravioli geöffnet oder eine Putzfrau engagiert. Aber wir Selbermacherinnen sind (hoffentlich alle) kritisch, hinterfragen das eine oder andere, geben auch mal zuviel Geld für etwas Schönes aus, unterstützen einheimische Handwerksbetriebe und mögen lieber etwas aus Holz statt aus Plastik. Und stricken einen Revontuli aus handgesponnener und handgefärbter (hoffentlich) weicher Schafwolle ohne Polydings, der später viel mehr wärmt als der gekaufte, weil er in vielen Stunden von mir handgestrickt wurde.

Kommentare:

maureens-haus hat gesagt…

Ach liebe Milena, mir geht es genau wie dir! Ich bin froh, dass es viele kreative Menschen gibt, die wissen, was eine Handarbeit wert ist! Ich für mich kann nur meine Kinder dafür sensibilisieren, auch wenn sie im Moment eine H&M Mütze eher vermögen als eine handgestrickte vom Handwerkermärit.
Äs liebs Grüessli
Eveline

beerentoene hat gesagt…

jepp...ich kann dir in allem zustimmen...wer handarbeit will muss auch entsprechende preise in kauf nehmen und nicht auf dem rücken dritter die preise kalkulieren...glg colette

Die Fadenwirkerin hat gesagt…

Liebe Milena,
dem ist nichts hinzuzufügen. Ein schöner Post, den ich gerne gelesen habe und in dem ich meine Gedanken wiederfinde, die ich beim Lesen solch' schöner, fast perfekter, Blogs habe.
LG von Juliane

Bea hat gesagt…

Liebe Milena,

wie wahr Deine Worte sind. Viele wissen gar nicht den Wert des *selbermachens* zu schätzen, aber reicht es nicht, wenn wir es wissen?

Ich lass Dir liebe Grüsse hier, meine Wäsche wartet auch schon auf mich, weil heute mal wieder die Kreativität wichtiger war *gg*. Bea

NoMimikry hat gesagt…

Hallo Milena,

ich finds super dass Du DAS mal angesprochen hast. Wie oft denke ich mir "da ist es immer so schön aufgeräumt", "die hat ein Händchen für Deko", "wann schafft die dass alles und wie schafft sie es vor allem die paar Sachen die sie macht sofort zu verkaufen?" und oft vergisst man einfach dass es vielleicht nicht immer so ist wie es scheint. Dass neben der tollen Deko noch die Teller vom Mittagessen stehen, dass noch zig Hände mitarbeiten und dass die Dinge vielleicht für Freunde angefertigt werden und deshalb sofort verkauft sind. Man stellt Vergleiche an und schneidet selbst immer schlechter ab als die anderen ;-). Ich versuche dass abzulegen und mich an dem zu freuen was ich habe. Dann steht die Kommode, die ich schon seit letztem Sommer streichen wollte, eben noch ein paar Monate in braun und nicht in weiß im Flur, es wird mich nicht umbringen :-).

Liebe Grüße
Mimi

Milena Schlegel hat gesagt…

Liebe Mimi

Deine beiden Sätze bringen's auf den Punkt:

Man stellt Vergleiche an und schneidet selbst immer schlechter ab als die anderen ;-). Ich versuche dass abzulegen und mich an dem zu freuen was ich habe.

Du hast so recht! Und doch schaue ich mir schöne Einrichtungsblogs an und kaufe mir solche Magazine und hoffe, dass mir der Haushalt irgendwann so leicht von der Hand geht, dass ich Staub und Schmutz gerade suchen muss und mich so zu Tode langweile, weil alles schön tipp topp ist. Und dass ich dann mit Freuden wieder etwas Kreatives mit den Händen schaffen will und sei es nur für mich! Damit es nicht soweit kommt - das mit der wunderbaren Ordnung in einem perfekt durchgestylten Haus, meine ich - dafür sorgen schon meine Kinder - keine Angst.

Liebe Grüsse
Milena